Informationen für die Lehrpersonen

Didaktische Überlegungen

Warum Balladen im Unterricht?

Die Beliebtheit von Balladen im 7.-9. Schuljahr ergibt sich dadurch, dass sie Probleme ansprechen, die den altersspezifischen Interessen der Schülerinnen und Schüler entgegenkommen. Sie behandeln z.B. moralische Entscheidungen in Konfliktsituationen, menschliche Bewährung und Hinterlistigkeit, Schicksal und Selbstbestimmung, die dazu aufrufen, Position zu beziehen und diese zu vertreten. Ausserdem sind Balladen relativ kurze Texte, welche für den Verstehensprozess geeignet sind und die Schülerinnen und Schüler aufgrund ihres in sich abgerundeten, spannungsreichen Geschehens motivieren können.

Aufgrund der kunstvollen lyrischen Gestaltung eignen sich Balladen zum Zuhören. Da Balladen viele dramatische Aspekte aufweisen, liegt es auch nahe, sie vorzutragen bzw. zu spielen.

Der Lehrplan 21 nennt Balladen explizit als Unterrichtsgegenstand.

Didaktische Zielsetzung

Unterrichtsschwerpunkte

Die vorliegende Auswahl der Balladen ist thematisch motiviert: Die Balladen drehen sich um die Dynamiken in zwischenmenschlichen Beziehungen (Liebesbeziehungen, gescheiterte Liebe, Eltern-Kind-Beziehungen etc.). Die Einheiten behandeln im Rahmen der thematischen Auswahl unterschiedliche Unterrichtsschwerpunkte:

  • Zuhörstrategien
  • Bild zur Ballade gestalten
  • Rollenspiel
  • Themenplakat gestalten
  • Fortsetzung der Ballade schreiben
  • Diskussion in verteilten Rollen

Interdisziplinarität

Während (Kunst-)Balladen gewöhnlich im Literaturunterricht behandelt werden, ermöglicht die Beschäftigung mit Volksballaden eine stärker interdisziplinäre Ausrichtung. So will das hier vorliegende Lehrmittel sprachdidaktische Ziele auch auf andere Fachbereiche ausweiten. Dementsprechend steht das sprachliche Lernen in Zusammenhang mit musikalischem, gestalterischem sowie geschichtlichem Lernen. Innerhalb der Sprachdidaktik liegt besonderes Augenmerk auf der Förderung mündlicher Sprachfähigkeiten, womit dem sprachdidaktisch nach wie vor verbreiteten Ungleichgewicht zwischen der Förderung mündlicher und schriftlicher Sprachfähigkeiten entgegengewirkt werden soll.

Kompetenzorientierung, Differenzierung

Unter Kompetenzorientierung versteht man grundsätzlich, dass Unterricht an Kenntnisse und Fähigkeiten der Schüler/-innen anknüpft, sie erweitert und zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt. Im kompetenzorientierten Unterricht kommt der Aufgabenstellung eine zentrale Rolle zu. Sie verfügt über eine explizite Zielsetzung, d.h. sowohl den Lernenden wie auch der Lehrperson sollte klar sein, worauf eine Unterrichtslektion oder -einheit abzielt. Die Unterrichtseinheiten des vorliegenden Lehrmittels enthalten allesamt Lernaufgaben, die auf den Erwerb bzw. die Festigung von Kompetenzen abzielen.

Die Lernaufgaben der Unterrichtseinheiten weisen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade auf und ermöglichen verschiedene Lernwege (selbständig vs. stärker strukturiert). Sie bieten also Differenzierungsmöglichkeiten, die der Heterogenität innerhalb der Klasse Rechnung tragen. In jeder Einheit sind Lernwege für drei Niveaugruppen beschrieben. Die Lehrperson kann die Zuteilung zu den Niveaugruppen selber vornehmen, es ist jedoch auch denkbar, dass die Schüler/-innen sich selber einschätzen und somit ihre Lernwege eigenständig bestimmen. Eine Niveaugruppe setzt sich idealerweise aus 4-5 Schüler/-innen zusammen. Dies bedeutet, dass innerhalb der Niveaugruppen auch Untergruppen gebildet werden können. Die Arbeit in den Niveaugruppen bedingt idealerweise mehrere Arbeitsräume. Je nach Klassenzusammensetzung (oder aufgrund räumlicher Einschränkungen) kann die Anzahl der Niveaugruppen reduziert werden.

Meistens beginnt eine Einheit im Plenum, was in der Lektionsvorbereitung mit einer Spalte gekennzeichnet ist, welche die drei Niveaus verbindet. Danach besteht die Möglichkeit, dass die Schüler/-innen in den Niveaugruppen arbeiten. An einigen Stellen wird der Unterricht jedoch aus inhaltlichen Gründen zu einem späteren Zeitpunkt wieder zusammengeführt. Damit schnell arbeitende Schüler/-innen in diesen Fällen nicht auf die anderen warten müssen, gibt es ganz am Ende der Lektionsvorbereitung ein Zusatzmodul, das in der Zwischenzeit oder am Schluss optional bearbeitet werden kann.

Übertragbarkeit

Die Unterrichtseinheiten des vorliegenden Lehrmittels haben exemplarischen Charakter. Dies bedeutet, dass die Erarbeitung eines Unterrichtschwerpunkts und entsprechender Lernziele anhand einer bestimmten Ballade dargelegt werden. Der Unterrichtsvorschlag lässt sich jedoch auf andere Balladen übertragen.

Praktische Hinweise zu den Materialien

Um die Balladen hören zu können, wird meistens ein Abspielgerät für die Tondatei benötigt, in gewissen Fällen auch ein Tablet o.Ä., um ein Video zu schauen. Je nach technischer Ausstattung sind unterschiedliche Zugänge möglich. Wir plädieren dafür, allenfalls Smartphones der Lernenden einzubinden, um den eventuellen Engpässen in Bezug auf die technische Ausstattung zu begegnen.

Bei den Arbeitsblättern wurde in den meisten Fällen darauf verzichtet, diese als strikte Arbeitsanleitungen zu verfassen. Sie dienen als Grundlage und können von der Lehrperson hinsichtlich der Fähigkeiten der Schüler/-innen angepasst werden.

Didaktische Hinweise zu den einzelnen Unterrichtseinheiten sind in den Lektionsvorbereitungen in Grün vermerkt.

Literatur

  • Behrens, Ulrike/Eriksson, Brigit (2009): Kompetenzorientiert unterrichten – Aufgaben profilieren: Aufgabenkultur im Bereich Zuhören im Visier. In: Krelle, Michael/Spiegel, Carmen (Hrsg.): Sprechen und Kommunizieren. Entwicklungsperspektiven, Diagnosemöglichkeiten und Lernszenarien in Deutschunterricht und Deutschdidaktik. Hohengehren: Schneider, S. 204-219.
  • Berger, Norbert (1991): Stundenblätter Balladen. 5.-11. Schuljahr. Klett: Stuttgart.
  • D-EDK, Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz: Lehrplan 21. Online unter: http://v-ef.lehrplan.ch/, 19.07.16.
  • Nagy, Hajnalka/Struger, Jürgen/Wintersteiner, Werner (2012): Förderung von Kompetenzen im Deutschunterricht. In: Paechter, Manuela et al. (Hrsg.): Handbuch Kompetenzorientierter Unterricht. Weinheim und Basel: Beltz, S. 136-152.
Didaktische Überlegungen

Hintergrund Balladen: Info-Text für Lehrpersonen

Was sind Balladen?

Unter Balladen versteht man im deutschsprachigen Raum Texte, die Merkmale eines Gedichts (lyrisch), eines Schauspiels (dramatisch) sowie einer Erzählung (episch) vereinen. Goethe bezeichnete die Ballade denn auch als „Ur-Ei“ der Dichtung, da sie Elemente aus eben diesen drei Literaturgattungen beinhaltet. Viele Balladen gehen auf Sagen, Mythen, biblische Erzählungen oder auch Zeitungsberichte zurück.

Der Inhalt der Ballade kreist meist um ein aussergewöhnliches und dramatisches Ereignis. Dabei kommen Naturkatastrophen, Geister, Gespenster, Übernatürliches etc. vor (naturmagische Ballade) oder Menschen, die sich durch ausserordentliche Taten oder vorbildliches Verhalten auszeichnen (Helden- und Ideenballade). Die Hauptfigur befindet sich häufig in einer schwierigen und gefährlichen Situation. Dabei muss sie sich für eine Handlungsweise entscheiden, wodurch sie in einen (inneren) Konflikt gerät. Oftmals gibt es zudem eine erzählende Person, die nicht direkt am Geschehen beteiligt ist.

Der Dialog spielt bei der Ballade eine wichtige Rolle, weshalb die direkte Rede häufig ist. Die Ballade ist in Versen verfasst und ausserdem meist gereimt und strophisch. Verkürzt lässt sich sagen: Eine Ballade ist ein Gedicht, in welchem lebendig und spannend ein besonderes Ereignis erzählt wird.

Geschichtliche Entwicklung von der Volksballade zur Kunstballade

Das Wort „Ballade“ stammt vom italienischen Wort „ballata“ (= Tanzlied). Die ursprüngliche Form der Ballade im deutschsprachigen Raum ist die Volksballade. Sie stammt sehr wahrscheinlich von den skandinavischen Erzählliedern des 13./14. Jahrhunderts ab, die in Form von Volksballaden bis in die Neuzeit lebendig blieben. Ihren Höhepunkt hatte die Volksballade im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit (14.-16. Jahrhundert). Die Volksballade ist ein Gedicht in Form eines Liedes. Ihr Verfasser ist meist unbekannt. Die Volksballade wurde mündlich (durch Gesang) verbreitet und diente der Unterhaltung. Durch die mündliche Überlieferung entwickelten sich über die Zeit unterschiedliche Typen von Volksballaden. Besonders beliebt waren „Schauerballaden“ (Moritate), die von Bänkelsängern auf Jahrmärkten vorgetragen wurden. Der Bänkelsänger besingt wahre Begebenheiten und stellt die moralische Belehrung des Publikums in den Vordergrund.

Literaturfähig und künstlerisch anerkannt wurde die Volksballade Ende des 18. Jahrhunderts, als die jungen Dichter der Geniezeit sich für das Irrationale zu interessieren begannen. Mit „Leonore“ (1773) begründete Gottfried August Bürger die deutsche Kunstballade. Die Kunstballade ist kein Lied, sondern eine ausgefeilte Gedichtform. Neben Bürger schuf Johann Wolfgang von Goethe mit dem ›Erlkönig‹ (1782) eine der bekanntesten deutschen Balladen. Daneben ist auch Friedrich von Schiller ein berühmter Verfasser von Kunstballaden.

Es bildeten sich zwei Hauptarten von Kunstballaden heraus: die magische Ballade und die heldische Ballade. Bei der magischen Ballade wird das menschliche Schicksal mit dem Wirken überirdischer Kräfte verbunden. Die Handlung widerspricht jeglicher menschlicher Logik und Erfahrung. Demgegenüber hat die Heldenballade ihren Ursprung in den germanischen Heldenliedern. Es geht um Helden, die mutig und tapfer ihre Treue beweisen. Sie kämpfen um Ruhm und Ehre, opfern sich am Ende selbst und gehen in Würde unter.

Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland neben der klassischen Form die rein erzählende („epische“) Ballade ohne dramatische Elemente. Sie wird auch Erzählgedicht genannt. Meistens hat sie einen ethischen oder sozialkritischen Hintergrund (z. B. Brecht, Ballade von den Abenteurern; Becher, Bauernballade).

Ein Vergleich zwischen Volks- und Kunstballade wird in der Unterrichtseinheit zu „s’ Buecher Fridli-Lied“ vorgenommen.

Literatur

  • Esser, Rolf (2007): Das grosse Arbeitsbuch Literaturunterricht. Mülheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr.
  • Kuhnigk, Markus/Hornung, Alexandra/Weiss, H. (Hrsg.) (2012): Deutsch 7/8. Inhaltsangabe, Balladen. 3.-4. Aufl. Augsburg: Klippert Medien.
  • Langbein, Elvira/Lange, Rosemarie (2004): Rund um Balladen. Kopiervorlagen für den Deutschunterricht. Berlin: Cornelsen.
  • Wilkening, Nina (2009): Balladen & Moritaten. Texte lesen – verstehen – erfahren. Mülheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr
Hintergrund Balladen: Info-Text für Lehrpersonen

Biographisches zu A.L. Gassmann

Alfred Leonz Gassmann (31.12.1876 - 8.8.1962) war während über fünf Jahrzehnten in verschiedenen Sparten der Volksmusik tätig, und zwar als Forscher, Förderer und Sammler, aber auch als Komponist und Schriftsteller. Im Bereich der Schweizer Volksliedforschung und -sammlung hat der Musikpädagoge Gassmann Pionierarbeit geleistet: Er hat vielbeachtete wissenschaftliche Abhandlungen im Bereich der Volksliedforschung verfasst sowie Sammlungen und Editionen von Volksliedern erstellt. Zudem gehörte er mit John Meier, Eduard Hoffmann-Krayer und Karl Nef zu den Initianten des 1906 gegründeten Schweizerischen Volksliedarchivs in Basel, wo heute über 40'000 Melodien und Texte gesammelt sind und der wissenschaftlichen Erforschung der Volksmusik zur Verfügung stehen.

Als sein vielleicht grösstes Verdienst und bleibendes Vermächtnis wird Gassmanns Sammlertätigkeit genannt. Von 1899 bis 1951 unternahm er regelmässig Wanderungen durch die Innerschweiz und notierte systematisch Volkslieder und Instrumentalmusik, wie sie in den Kantonen Luzern, Schwyz, Ob- und Nidwalden gepflegt wurden. In drei Quellen hat Gassmann der Nachwelt Aufzeichnungen von vokalen und instrumentalen Sätzen und Weisen hinterlassen, die er auf seinen ausgedehnten Spaziergängen dokumentierte. Zu seinen grossen Erfolgen wurde das 1914 erschienene Volksliederbüchlein «Juhui» für die Schweizer Jugend. Als Pionierarbeit wird auch sein Buch «Tonpsychologie des Schweizer Volksliedes» (1936) bezeichnet. In dieser Studie versuchte Gassmann, das Volkslied der Schweiz aus der Landschaft (Bodengestaltung, Klima) heraus zu deuten und zu erklären. 1938 verfasste er ausserdem mit «Blast mir das Alphorn noch einmal!» ein Standardwerk des Alphorn-Spiels.

In den 1990er Jahren wurde durch die Luzerner Kantorei bereits eine Auswahl von Gassmanns Kinder-, Weihnachts- und Volksliedern aufgenommen und durch den Luzerner Lehrmittelverlag herausgegeben. Für das vorliegende Lehrmittel wurden aus Gassmanns Volksliedsammlung 14 Balladen ausgewählt und schwerpunktmässig für den Deutschunterricht aufbereitet. Die Auswahl ist thematisch motiviert: Die Balladen drehen sich um die Dynamiken in zwischenmenschlichen Beziehungen (Liebesbeziehungen, gescheiterte Liebe, Eltern-Kinder-Beziehungen etc.).

Biographisches zu A.L. Gassmann